Präsentieren ist wie Punk: lieber schräg als korrekt

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Auf der Bühne bin ich „gescheitert“. Damit bin ich nicht allein. Viele Menschen passen nicht in die Rhetorik-Norm und haben dennoch etwas zu sagen. Wird Zeit, dass auch Präsentations-Punks ins Rampenlicht treten – Charakter und Substanz schlagen Perfektionismus.
Ich bin eine freudvolle und ideenreiche Rednerin – so zumindest meine Selbstwahrnehmung. Ich bin keine „gute“ Rednerin – laut Regelkatalog für eine perfekte Rede. Nach den von Rhetorik-Expert:innen definierten Maßstäben bin ich sogar eine schlechte Speakerin.
Ich zittere – am Körper und in der Stimme. Ich bewege mich permanent – und das abgehakt und schräg. Ich nenne das inzwischen Hochleistungssport, ich bei jedem einzelnen Auftritt durchexerziere: Die sich permanent anspannenden Muskeln zeitgleich zu den Denkprozessen in einem und demselben Gehirn „kontrollieren“ bzw. leichtfüßig steuern. Wer schon einmal einen Krampf erlebt hat, kann jetzt nachvollziehen, wie man sich währenddessen auf intelligentes Reden konzentrieren kann. Für eine Spastikerin (ICP) wie mich gehört genau das zur Normalität!
Andersartigkeit lenkt wohl vom Inhalt ab. Meine Grenzen hat mir neulich das Redner-Seminar von Michael Ehlers und Jochen Schweizer aufgezeigt. Eine Art Contest bildete den Abschluss – die drei besten Speaker:innen wurden von einer dreiköpfigen Jury ausgezeichnet. Ich gehörte nicht zu den Besten. Denn laut Jury war es nicht möglich, mich nach den Regeln der Norm zu beurteilen und auszuzeichnen. Also kürten Jochen Schweizer und Michael Ehlers kurzerhand meine in den fünf Minuten Redezeit präsentierte neue Geschäftsidee mit einem Sonderpreis „Innovation“. Weil sie mein Vorhaben unterstützenswert finden! Und genau an der Stelle wurde mir bewusst, dass es nicht um Schubladen und Normen an sich gehen muss, sondern wir Menschen in unserer Diversität den entscheidenden Unterschied im positiven Sinne machen. Wir lösen die Öffnung des Normenkorsetts aus und inspirieren zu neuen Ideen, Wegen, Lösungen.
Ich möchte alle Menschen ermutigen, die unter den Rhetorik-Profis augenscheinlich aus der Reihe tanzen und nicht dem Ideal entsprechen. Egal, ob sie einen fremdsprachigen Akzent oder den „falschen“ Dialekt haben, ob sie stottern oder nuscheln, das Tourette-Syndrom haben oder einfach nur mit ihrer Schüchternheit zu kämpfen haben. Ganz egal, ob sie hippelig sind, keine Pausen in ihren Vorträgen setzen, ihre Gedanken nicht zu Ende ausführen oder einfach nicht die „richtige formale“ Bildung haben. Krass, korrekt Digga – so artikulieren sich die kultivierten Redner:innen natürlich nie und nimmer. Trotzdem: Traut Euch – geht raus auf die Podien, Bühnen und in die Diskussionsrunden. Lasst Euch nicht verunsichern.

Yes, we can? Ich kann’s nicht „normal“, aber ich kann’s anders

Ich weiß: Das steht im krassen Widerspruch zu den Überzeugungen der Rhetorik-Profis. Michael Ehlers etwa sagt: Erfolg – das ist zu 51 Prozent Äußerlichkeit/Auftreten und nur zu 49 Prozent Fachwissen.

Und so trainieren wir, der perfekte Redner, die perfekte Rednerin zu werden: selbstsicherer Blick ins Auditorium, kein zu schnelles Sprechtempo, Pausen richtig setzen, keine Schachtelsätze, ruhige souveräne Ausstrahlung, die perfekte Kleidung. Oder wie es der Godfather aller Sprech-Gurus, Barack Obama, so treffend zusammengefasst hat: Yes, we can.

Maysoon Zayid geht hier einen Schritt weiter und sagt: „Ich habe 99 Probleme, Lähmung ist nur eines davon!“ und „Yes, we can can!“

Genauso bin auch ich aufgewachsen und gehe durch die Welt. Von Klein auf war klar: Training und Weiterentwicklung, Kämpfen für die Ziele auf dem Weg zum Erfolg sind die einzigen gangbaren Optionen. Meine Körperbehinderung sollte kein Grund sein, nicht aktiv am Leben teilnehmen zu können. Wenn es Schwierigkeiten gab, hieß es: Claudia, denk nicht so viel nach, grüble nicht über das, was Du nicht kannst, sondern lerne es zu können, trainiere, handle!

Inzwischen gibt es für mich keine künstlich von außen auferlegten Grenzen und Schubladen. Einzig ich selbst bestimme über die Wirkung meines Auftrittes auf mich selbst.

Und so nehme ich zum Beispiel auch aus dem Seminar eine wichtige Botschaft mit: Ich werde dieser Norm nicht entsprechen können. Aber warum eigentlich auch? Ich kann’s doch anders.

Wir sprechen in allen Lebensbereichen von Vielfalt und Diversity. Das Präsentationspodest gehört dabei womöglich zu den sichtbarsten. Es sollte auch denen gehören, die zu den rhetorischen „Aus der Reihe Tänzer:innen“ wie mir gehören. Nicht aus irgendwelchen Quotengründen, sondern weil auch hier allein der Handelsblatt-Werbeslogan gelten sollte: Substanz entscheidet.

Die Entwicklung spricht für uns: ob nun Greta Thunberg oder Elon Musk – man muss kein Präsentationsgenie nach allen Regeln der Rhetorikkunst sein, um heute eine große Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch wenn uns lange Jahre Steve Jobs als leuchtendes Beispiel vorgehalten wurde. Es geht auch anders. Der letzte große Popstar der Wissenschaft hatte, unseren Maßstäben und Mustern zufolge, am Ende noch nicht mal eine haptische Stimme und trotzdem bis zum Schluss viel Wertiges zu sagen. Und wir alle haben ihm zugehört: Stephen Hawking.

Claudia Gersdorf

Claudia Gersdorf

CEO PolaR BEAR

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