Claudia Gersdorf und Chemnitz Kulturhauptstadt 2025

Auf nach Chemnitz! Chemnitz und ich.

von

Chemnitz und ich. Das passt gut zusammen. Wir weichen von der Norm ab. Wir weichen von dem klassischen Schönheitsideal ab. Kein Durchschnitt – das fördert die Vielfalt. Mehr Diversität kann auch unserer Branche, der Kommunikationsbranche, nicht schaden.
Wäre ich eine Stadt, würde ich Karla-Marx-Stadt heißen. Chemnitz musste auch immer kämpfen. Vor allem gegen die Vorurteile – hässlich, rechts, intolerant. Aber eben dann noch mit Happy End. Kulturhauptstadt 2025. Schau mal einer an. Mit Vorurteilen und dem Kampf dagegen kenne ich mich auch gut aus. Spastische Lähmungserscheinungen – das führt immer zu Getuschel und Fehlinterpretationen. An diesem Punkt führen die beiden Geschichten zusammen – Chemnitz und ich. Das ist eine Geschichte!
In Chemnitz wurde ich schon immer so akzeptiert wie ich bin. Ich wurde immer hinsichtlich meiner Talente und Fähigkeiten zum Besten gefördert – „Claudia mach das, schaff das, erledige das!“. Es war nie: „Willst du besser werden und weniger behindert sein? Nein! Sei stark, leiste einen Beitrag zur Gesellschaft“. Der Grundstein für mein weltweites Engagement war gelegt, als Kosmopolitin und Menschenrechtlerin.
PR bzw. den Umgang mit der Presse, habe ich hier schon im Kindesalter gelernt. Mit 11 Jahren stand ich in Chemnitz das erste Mal auf der Bühne. Es ging um den Erhalt von Personal und der Körperbehinderten-Schule in Wittgensdorf. Blöd nur, dass ich bei meiner Rede so sehr zitterte, dass meine Mutter mir mein Manuskript halten musste. Bei der Presse kam das so an: „Das arme Mädchen wurde zu dieser Rede gezwungen“, „Schau mal wie sehr sie vor Angst zittert“ sind nur ein paar der Statements, die wir geraderücken mussten. Ist das dann schon Krisen-PR? Das hätte ich damals sicher nicht einwandfrei beantworten können, nach Krise fühlte sich das aber schon an.
Kommunikation faszinierte mich offenbar schon damals, etwas bewirken zu wollen genauso. Die NGO-Szene habe ich lieben und leben gelernt. Ich habe als CEO des Bildungsverein PEN PAPER PEACE e.V. agiert und war Projektmanagerin bei Ärzte ohne Grenzen und Oxfam, der weltweit größten Nothilfe- und Entwicklungsorganisation – bis ich schließlich die vergangenen sieben Jahre als CCO und Kommunikationschefin von Viva con Agua verantwortlich zeichnete. Auf meine bisherige berufliche Laufbahn bin ich stolz, doch jetzt ist es an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. In Chemnitz.

Warum nur immer Berlin, Hamburg oder München?

Chemnitz ist nicht der Nabel der Welt, aber immerhin die Stadt, in der die Nachhaltigkeit begründet wurde. Hans Carl von Carlowitz, als zweites von 17 Kindern am 14.12.1645 auf Burg Rabenstein bei Chemnitz als Spross einer Adelsdynastie geboren, sagte schon damals: „Dass es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse (Wesen, Dasein) nicht bleiben mag“. In Kurzform: schonender Umgang der Ressourcen bitte. Und das schon im Mittelalter. Mich hat das ein Stück weit bestärkt, Chemnitz nochmal kennenzulernen. Chemnitz ist seit einigen Jahren schon eine stetig wachsende und von großer Diversität geprägte Subkultur, die sich inzwischen zur Main Culture entwickelt hat – hier geht einiges und immer mehr! Der ausschlaggebende Grund für meinen Umzug war das nicht. Der war rein privater Natur. Andererseits: Es gibt im Jahr 2021 keinen vernünftigen Grund mehr, das Geschäft mit der Kommunikation und der Nachhaltigkeit zwingend in den bekannten Metropolen Berlin, Hamburg und vielleicht noch München zu betreiben. World Office heißt die neue Adresse – und zwar ungeachtet der Herkunft und des Standortes!
Chemnitz weicht vom klassischen Schönheitsideal ab, die Menschen hier – das ist ein anderer Schlag als in der Schanze, im Glockenbachviertel oder in Friedrichshain. Ich finde das prima: mehr Diversität tut uns allen gut, auch „unserer Branche“, der Kommunikationsbranche. Andere Menschen mit anderen Lebensgeschichten und anderen Sichtweisen. Gibt es das eigentlich noch: Quereinsteiger mit Lebensläufen, die nicht schurgerade verlaufen? People of Color, Menschen mit Behinderungen oder den unterschiedlichsten Merkmalen – warum sieht man diese kaum vertreten in den einschlägigen Fachportale? In unseren Produktionen, der Werbung und Kommunikation, machen wir Konsument:innen und der Öffentlichekti die Vielfalt des Lebens schmackhaft, Es wäre schön, wenn wir sie selbst in unseren Organisationen vorleben. Egal ob in Hamburg, Chemnitz oder Nairobi.
Claudia Gersdorf

Claudia Gersdorf

CEO PolaR BEAR

Paw Print PolaR BEAR